Was ist Zeit? Ein Augenblick | Ein Stundenschlag | Tausend Jahre sind ein Tag!

Eine Textzeile, die ich in einem sehr alten Layout von mir verwendet habe. Von dem Musiker, der mich in meinem Leben am längsten begleitet, über all die Jahre wohl am intensivsten präsent war, den ich öfter live gesehen hab als jede Indie/Rock/Pop oder sonstige Band. Der mich mit seiner Musik bisher vor horrenden Kosten einer Psychotherapie bewahrt hat. Und der am Sonntag gestorben ist.

Ich war selbst überrascht, wie sehr mich die Nachricht von Udo Jürgens‘ Tod persönlich betroffen hat. Lange habe ich darüber nachgedacht, wieso das so ist, bis ich eine Antwort gefunden habe.

Zum einen gibt ein Musiker in seinen Liedern viel von sich selbst preis. Die Dinge, über die er singt, sind Themen, die ihn betreffen und ihm am Herzen liegen. Je besser man also die Discografie eines Musikers kennt, umso mehr formt sich ein Bild über diese Person – man könnte vorsichtig sagen: umso besser kennt man die Person hinter der Figur. Zum anderen speichert das Gehirn offenbar eine Person, die einem soviel Hoffnung, Zuversicht und Verständnis gegeben hat irgendwo als Vertrauens-/Bezugsperson und unterscheidet nicht darin, ob man ein persönliches Zwiegespräch geführt hat oder das Kennen aus den Texten herrührt (zumindest in meinem Fall). Soviel faktisches zur Rechtfertigung für mich selbst, schon mehr als ein paar Tränen darüber vergossen zu haben, ihn nie wieder live zu erleben und mir selbst tausende Vorwürfe zu machen, sein letztes Konzert, das noch dazu an meinem Geburtstag in Wien stattgefunden hat, verpasst zu haben.

Udo Jürgens war für mich nie der, der im Vordergrund meines Musikhörens stand. Die Erlebnisse und Knackpunkte besetzen meist andere. Aber er war der, der im Hintergrund immer da war. Der sich auf allen Auto CDs irgendwo wiederfindet. Der immer wieder präsent war, wenn ich auf der Suche nach mir selbst, nach Selbstsicherheit war oder Zweifel aufgetaucht sind. Seine Musik war da, wenn ich alleine war. Er sagte mir „Wer nie verliert hat den Sieg nicht verdient“ und „Heute beginnt der Rest deines Lebens„. Er sagte mir „Es lebe das Laster“ und „Ich weiß was ich will„. Und ganz wichtig: „Wenn du abheben willst geht’s nur gegen den Wind„. Ich kann mit keinem Blogbeitrag hier dem auch nur ansatzweise gerecht werden, was ich mir zu Herzen genommen habe von dem, was er in seinen Liedern erzählt hat. Wie oft er mich genau an der richtigen Stelle getroffen („Griechischer Wein„) und mir Mut gegeben hat („Liebe ohne Leiden„). Wohin er mich überall begleitet hat („Ich war noch niemals in New York„). Wie oft er mich zum Lächeln gebracht („Die Sonne und Du„), mich erheitert hat („Na und„) und wie oft die Musik einfach da war um mich verstanden zu fühlen („Gestern, heute, morgen„), Veränderungen in mir selbst anzunehmen („Liebe lebt„) oder mich auch mal auf Gedankenwege zu bringen („Ihr von morgen„).

Und dann sind da noch Schenk mir noch eine Stunde, Never give up, Champagner regnet vom Himmel, In Lüneburg war Volksfest, Ich würd‘ es wieder tun, Der gekaufte Drachen, Wer hat meine Zeit gefunden, Was dich nicht umbringt gibt dir neue Kraft zum Leben, Madonna in der Hölle…

…die nicht unerwähnt bleiben dürfen.

Ich könnte hier seitenweise Songs aufzählen, die mich über die Jahre begleitet und sich in mein Herz gebrannt haben, aber vorerst werde ich das hier nun so stehen lassen. Ich bin schwer beeindruckt, dass eine einzige Person soviel künstlerisches Potenzial hat, über so viele Jahrzehnte großartige Musik zu produzieren. Ich bin fasziniert davon, wie er sich weiterentwickelt hat und bis ins Alter offen geblieben ist für die Themen dieser Welt und auch seine späteren Werke nichts an Scharfsinn und Wert verloren haben. Ich bin zutiefst traurig, dass ich nie wieder eines seiner großartigen Konzerte erleben darf, aber gleichzeitig bin ich über die Maßen dankbar für die Musik, die er hinterlassen hat.

Sollte sich irgendjemand ein bisschen für ihn interessieren, dem lege ich „Der Mann mit dem Fagott“ wärmstens ans Herz.

Lieber Udo, Ruhe in Frieden und danke für alles.

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4 thoughts on “Was ist Zeit? Ein Augenblick | Ein Stundenschlag | Tausend Jahre sind ein Tag!

  1. Wohl einer der schönsten Nachrufe die es gibt. Er würde ihn lieben. 🙂
    Ich hab im Vergleich zu dir deutlich weniger Bezug zu ihm aber mir tuts ebenfalls sehr leid. Er war einfach ein ganz besonderer Künstler und Mensch. Einfach unvergleichlich.

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